294 Tage

Heute ist der 294. Tag unserer Elternschaft. L. ist nun 9 Monate und 20 Tage alt. Lieben, sehr viel lieben sogar… tun wir ihn schon seitdem wir von seiner Existenz (noch in Form eines winzigen Kekskrümels) in meinem Bauch wussten. Ich glaube, dass sein Papa A. ein wenig länger gebraucht hat, um diese Liebe nach Außen zu zeigen. Er trug sie immer in sich wie ein kleiner, geheimer Schatz. Er ist einfach so. Zeigt nicht alles sofort und jedem.

In meiner Schwangerschaft gab es Tage, da fühlte ich mich nicht genug geliebt. Dachte, dasss ich mehr Anspruch auf Liebe hätte, da ich ja einen Mitbewohner in meinem Bauch hatte, der auch geliebt werden wollte. Zu viele Erwartungen führten letztendlich zu noch mehr Traurigkeit. So viele (Selbst-)Zweifel plagten mich. Diese wuchsen und wuchsen bis sie mich wie eine Kletterpflanze an emotional sehr schwachen Tagen umklammerte und erstickte. Herzstillstand. Atemnot. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Irgendwie schaffte ich da raus. Aus dieser Erwartungshaltung. Viele Gespräche mit A. halfen. Er bemühte sich immer mehr. Ich erwartete immer weniger. Was für ein wahrlich toller Prozess. Dieses Loslassen! Nur durch diesen Reifeprozess zwischen uns als Paar, konnten wir den Strapazen während der Geburt unseres Sohnes L. trotzen. Das weiß ich jetzt rückblickend.

Wir waren als Einheit stark und haben einander vertraut. Klar, ich habe ihm Schmerzen zugefügt – ihm z.B. die Arme zerkratzt – das tat mir damals nicht leid und heute natürlich schon. Er hat das vergessen. So wie ich all die negativen Seiten der Geburt. Es lief absolut nicht so wie gedacht. Als unser Liebling endlich da war… war es nicht mehr wichtig, dass ich

  • doch Schmerzmittel gebraucht habe, obwohl ich anfangs strikt keine wollte

  • dass eine Wassergeburt ausgeschlossen war, weil die Geburtswanne gewartet wurde

  • dass es ein Kaiserschnitt wurde, obwohl ich so gerne spontan gebären wollte

Meine Angst vor dem Kaiserschnitt löste sich auf, als ich den Verlauf der Geburt so akzeptierte und hinnahm wie sie eben war. Alle Menschen um mich waren respektvoll. Ich wurde ernst genommen. Sehr sogar. Das machte es mir einfacher, mich komplett fallen zu lassen.

Ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie sich zwei Damen aus dem OP Team über ihren Urlaub unterhalten haben und ich schmunzelnd da lag und nervös auf den Schnitt wartete. Meine Augen waren geschlossen und ich dachte darüber nach, wohin wir wohl als kleine neue Familie unseren ersten gemeinsam Urlaub verbringen werden. Ich hatte ein schönes, warmes Kribbeln im ganzen Körper. Eine OP Dame streichelte meinen Kopf, sie bat meinen Mann sich neben mich zu setzen und er legte seine Hand auf meine. 

Der Anästhesist machte einen Witz. Ich lachte. Dann kam die Stille. Mein Herz pochte so wild und hüpfte mir fast aus dem Brustkorb. Mein Körper wackelte hin und her, wie ein Schiff in einem tobendem Meer. Dann hörte ich ein sanftes Schimpfen. Und da war er, unser kleines Wunder. Er wurde mir kurz auf die Brust gelegt, um ihn willkommen zu heißen und um ihn seinen allerersten Kuss zu geben.

Ich war noch nie so glückserfüllt. Ein Außenstehender hätte nur eine nackte Frau auf einem OP Tisch liegen gesehen, aber ich, ja ich, war die glücklichste Frau auf der Welt. Mir war egal, wo ich war. Ob nackt oder angeschlossen oder sonstwas. Ich hatte mein Baby auf mir und meinen Mann an meiner Seite. Mehr habe ich nicht gebraucht. Selbst als mich beide zurückgelassen haben, um schon in den Kreißsaal vorzugehen, um zu bonden, war ich nicht traurig oder einsam. Ich wusste, ich sehe sie gleich wieder. Und wichtiger noch: wir waren sicher. In guten Händen. Alle. Zusammen.

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